Posted on 05-05-2012
Filed Under (Aktionen, Musik) by Urius

Um diese Uhrzeit (23:34) vor genau einer Wochen waren j-suss und ich gerade damit beschäftigt, unsere Zelte auf einem Feld im verregneten Belgien aufzubauen – eine fiese Verpflichtung bei schlechten Lichtverhältnissen. Einige Stunden zuvor waren wir mit unserem überschaubaren Krempel in Richtung Meerhout aufgebrochen, um uns das exzellente Lineup auf dem Groezrock-Festival zu Gemüte zu führen. Unser ursprünglicher Plan, der eine Ankunft noch vor Einbruch der Dunkelheit vorsah, wurde aber spätestens auf dem verschlammten Schlachtfeld vor dem Campingplatz zunichte gemacht. Hier warteten zahlreiche Punker, Hardcore-Kids, Skinheads sowie Eltern mit ihren minderjährigen Kindern auf Einlass. Die Problematik: Bevor man den Campingplatz betreten durfte, musste man sein E-Ticket gegen ein Camping-Bändchen eintauschen. Da diese Information allerdings erst an der Pforte an die heranströmenden Gäste weitergegeben wurde, mussten viele (so auch wir) erstmal wieder umdrehen. So gab es also zwei unterschiedliche Bewegungsrichtungen, was der Sache nicht dienlich war. Darüber hinaus war der Boden vom Regen in eine Bracke verwandelt worden, in der die Festival-Teilnehmer mit all ihrer Habe umhersuppten. Quasi on top hatte die Leitung des Events dann auch noch ganze ZWEI Kassenhäuschen für tausende Heranstürmende bereitgestellt – Los Wochos!

Indes war die Aufgabenverteilung in unserer 2-Mann-Gruppe klar: Jochen, Teilzeitgewaltmensch und durch den Wehrdienst die Fortbewegung im Schlamm gewohnt, sollte sich der Schlange am Kassenhäuschen vornehmen, während ich in meiner Funktion als Gutmensch die Bewachung unseres Transportgutes übernahm. Letzteres hört sich zunächst einfach an, wurde aber dadurch enorm erschwert, dass pausenlos Menschen mit dreckverkrusteten Karren, Einkaufswägen oder Koffern an mir vorbeizogen, die in ihrer Verblendung gar nicht wahrzunehmen schienen, dass sie einzelne Teile unseres Gepäcks in ihrem Fahrwasser hinter sich herzogen. Also musste ich immer wieder Sachen zurückholen, einsammeln und meinen Standort wechseln – ein Fulltimejob. Witzigerweise wurden mit dem Strom der Besucher auch zwei der Freaks an mir vorbeigespült, die noch kurze Zeit zuvor in Wiesbaden bei Nothington für Furore gesorgt hatten (siehe letzter Eintrag).

Als der Suselmane – der vermutlich den noch beschisseneren Job hatte – dann nach über 90 Minuten endlich mit den Bändchen zurückkam, war die Froide groß. Endlich auf dem Gelände wurden wir dann Zeugen einer mir bislang unbekannten Praktik seitens  der Turnier-Leitung: Dass man nicht auf jedem Festival so schön am Zeltplatz parken kann wie beim Full Force, war für mich ja noch nachvollziehbar, eine Vergabe der Zeltplätze nach einem 3-Jahres-Plan hatte ich im deutlich westlich von Leipzig gelegenen Belgien allerdings nicht vermutet. Mit einer Menschenkette hielten die Ordner die entnervten Camper von den freien Flächen fern und rückten erst dann minimal vor, wenn wirklich überall Zeltplane an Zeltplane ausgebreitet war. So kam es auch zu einem “sehr engen nachbarschaftlichen Verhältnis” vor Ort.

Warum aber hatten wir denn überhaupt zwei Zelte aufzubauen? Gibt es keine Unity mehr zwischen denen mit nachlassender Kopfbehaarung, dass sie in getrennten Zelten schlafen müssen? Ist es so weit schon gekommen? Nein, natürlich nicht! In einem Akt der Menschenliebe hatten Jochen und ich uns dazu bereiterklärt, die Kunststoffhöhle von Moe und dem Oppinger, die später in der Nacht nachkommen wollten, bereits bezugfertig aufzubauen. Selbst der alte Dabbelju-Schorsch hätte uns im Angesicht dieser windschiefen Bude allerdings das “Mission accomplished” verweigert. Wie der Oppi später treffend bemerkte, hatten die beiden Nachzügler “wie immer das hässlichste Zelt am Platz”. Wir hatten offensichtlich die Stangen vertauscht, das Ergebnis war ein im Prinzip unbewohnbarer Forellenpuff. Unsere Kräfte reichten aber für einen Umbau nicht mehr aus, also blieb dem dynamischen Duo von nebenan nichts anderes übrig, als in die klamme Butze zu krabbeln.

Am nächsten Tag war dann aber trotzdem der Ehrgeiz groß. Wir hatten uns einen strengen Zeitplan zurechtgelegt, denn verpassen wollten wir nun wirklich nichts. Erste Anlaufstelle von Jochen und mir war die Fender Acoustic Stage. Hier spielte Mikey Erg von den legendären Ergs auf. Für mich als großer Ergs-Fan war das schon im Vorfeld ein echtes Highlight gewesen, weshalb ich auch den frühen Zeitpunkt des Auftritts (12 Uhr) für unberecht gehalten hatte. Glücklicherweise waren aber noch ein paar andere Ergs-Anhänger zugegen, so dass es an Publikum dann doch nicht mangelte. Einige der Ergs-Klassiker endlich mal live zu hören, war ein Vergnügen und als dann mit “Books About Miles Davis” auch noch einer meiner Favoriten als Endpunkt dienen durfte, war ich vollkommen zufrieden. j-suss fand es wohl auch ganz gut, soweit ich das beurteilen kann, von daher war es für alle ein Gewinn.

Danach ging es direkt nahtlos weiter: Auf der Main Stage gaben wir uns The Menzingers und direkt im Anschluss None More Black. Erstere haben ja ein geniales neues Album auf dem Markt, weshalb sie für mich absolutes Pflichtprogramm darstellten, letztere hatten einen Scheiß-Sound (inklusive zahlreicher defekte am Schlagzeug), waren aber ebenfalls absolut unverzichtbar. Als nächstes wurde dann ein kleines Päuschen am Zeltplatz eingelegt, begleitet von Oppis einprägsamem Ausruf: “Ahhh, der feine Herr!” Frei nach dem Motto: Der Urius hat ja ne klappbare Zahnbürste dabei – Ahhh, der feine Herr! Der Jochen hat sich grad mal hingelegt – Ahhh, der feine Herr! Ich glaub, ich mach mir mal ein Bier auf – Ahhh, der feine Herr! You get it.

Moe, Oppi und ich kehrten dann zu Reel Big Fish an die Main Stage zurück, wo in gewohnter Party-Ska-Manier eine solide Show geboten wurde. Für kurz nach 17 Uhr hatte ich mich dann j-suss an der Etnies Stage verabredet: Hier wurden The Wonder Years und Set Your Goals direkt hintereinander abgefrühstückt – auch hier alles wie erwartet hochwertig. Yellowcard auf der Main Stage schauten wir uns dann wieder alle gemeinsam an, bevor ich mir dann Lifetime alleine auf der Etnies Stage gab.

Den Abschluss des Tages machten dann die beiden Headliner und Punk-Urgesteine von Lagwagon und Rancid. Vor allem Rancid war natürlich ein besonderes Highlight, schließlich hatte ich die Helden meiner Jugend noch nie zuvor live sehen können. Das Zelt war natürlich rappelvoll und vermutlich kannte wirklich jeder Anwesende mindestens einen Rancid-Song. Für mich war bis auf die zwei oder drei Titel vom neuesten Album jedes Stück ein Heimspiel und so wurde auch gut abgefeiert. Dabei fiel mir auf, dass besonders viele Songs von der Let’s Go gespielt wurden – konkret erinnere ich mich jetzt an: Nihilism, Radio, Salvation, Tenderloin, Gunshot, Black & Blue (inklusive Freddy Madball-Gedächtnis-Ansage) und St. Mary (hatte ich mir vorher noch gewünscht). Insofern war die Platte vermutlich im gesamten Set am stärksten vertreten, zu Recht wie ich finde. Allerdings dürfte – wenn meine These denn überhaupt stimmt – die …And Out Come The Wolves nur knapp dahinter liegen, denn hier wurden natürlich auch alle Klassiker abgeliefert: Maxwell Murder, Journey To The End Of The East Bay, Listed M.I.A., Roots Radicals usw., Time Bomb wurde selbstverständlich erst in der Zugabe verbraten. Auf jeden Fall ein würdiges Ende des ersten Tages! So, jetzt mach’ ich aber auch Schluss, Teil II folgt mit etwas Glück sogar schon im Verlauf des mittlerweile heutigen Samstags.


I came so close man, I almost had it

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